|
Scooters
Start ins Schwalbenleben
Einführung:
Immer wieder erleben wir, welches beglückende
Erlebnis darin liegt, einem notleidenden Tier
das Leben gerettet zu haben. Unser Mitglied
Manuela Wiebers aus 25795 Stelle sandte uns
einen Brief und Fotos von ihrem Schwalbenbaby
"Scooter", das sie zu einem fröhlichen
Jungvogel aufgezogen hat. Sie schrieb uns dazu:
"Manche Menschen lachten mich aus, glaubten
nicht, daß Scooter überlebt und meinten,
daß ich es gleich aufgeben könne.
Aber zum Glück tat ich es nicht, denn dies
Erlebnis war wirklich eines fürs Leben.
Zu sehen, wie ein hilfloser kleiner Vogel Vertrauen
in mich fasst und dadurch überlebt, ist
etwas Besonderes."
Wir veröffentlichen nachstehend ihren Bericht
mit kleinen Kürzungen.
Es war Anfang August letzten Jahres. Mein
Mann und ich kamen von einem Strandtag nachhause.
Wir wohnen in einem kleinen Dorf in Dithmarschen,
in einem alten Bauernhof. Jährlich kommen
Schwalben in unsere alten Ställe und Garagen
zurück, und an diesem Tag fanden wir ein
Schwalbenjunges auf dem Garagenboden sitzend
vor. Es hatte schon Federn und sah uns aus seinen
dunklen Augen an. Ich nahm das Kleine und setzte
es in eines der Nester über mir zurück.
Am nächsten Tag saß der kleine Vogel
wieder auf dem Boden. Das eine Auge war etwas
geschwollen. Eine Freundin kam gerade in dem
Augenblick vorbei und rief entzückt: "Oh,
ich suche einen Wurm!", und so kam ich
dann zu einem Schwalbenbaby.
Wir tauften den Vogel auf den Namen "Scooter"
und bastelten ihm ein Nest aus einem Geschrirrtuch,
das wir zusammenrollten, und in das der Kleine
sich gleich einkuschelte.
Da ich Sittich- und Papageienhalterin bin, hatte
ich Sittichaufzuchtfutter da, und wir mischten
ihm einen flüssigen Brei, den wir Scooter
mit Hilfe eines Strohhalms in den träufelten.
Und Scooter schluckte!
Ich nahm ihn mit an mein Bett, und obwohl ich
insgeheim fürchtete, daß Scooter
die Nacht nicht überleben würde, wurde
ich am nächsten Morgen von einem zarten
Piepsen geweckt - Scooter lebte noch. Und er
hatte einen Riesenhunger! Ab diesem Tag war
unsere Wohnung fliegenfrei. Ich mischte weiter
den Brei und fand auch ein homöopathisches
Mittel gegen Entzündungen, von dem ich
einige Tropfen in den Brei gab in der Hoffnung,
daß die Schwellung am Auge weg gehen würde.
Meinen Tierarzt fragte ich nach Tipps für
die Aufzucht; Er war nicht sehr zuversichtlich,
meinte jedoch, daß meine bisherigen Ideen
gut seien und ich mein Glück einfach so
versuchen solle.
Ich bin Erzieherin, und an diesem Tag nahm ich
Scooter zu meinem Nachtdienst in einer Kinder-
und Jugendwohngruppe mit. Die Jugendlichen fanden
es toll und zogen los, um für Scooter Fliegen
und Kellerasseln zu suchen. Inzwischen öffnete
er auch schon von selbst den Schnabel und war
unersättlich.
Am dritten Tag lebte Scooter noch immer, wurde
aber am Nachmittag müde, schlief fast nur
noch und aß kaum, so daß ich Angst
bekam, daß er nun doch stirbt.
Doch am Abend die Überraschung: er saß
auf seinem "Nestrand" und schlug wild
mit den Flügeln - er übte!
Ab dem vierten Tag war er putzmunter und trainierte
nun regelmäßig seine Flügel.
Das Auge sah schon wieder fast ganz normal aus,
und sein Gefieder schimmerte schon ganz prächtig.
Ich nahm Scooter mitsamt seinem Nest immer viel
mit in den Garten, wo er seine Artgenossen beobachten
konnte. Der Tierarzt war freudig überrascht,
daß Scooter noch lebte und meinte, er
solle erst richtig fliegen können, bevor
ich ihn los lasse, da die Gefahren für
einen schlechten Flieger zu groß seien
(Elstern, Krähen, Katzen,Autos
).
Nach einigen Tagen befestigte ich sein Nest
und eine Sitzstange in der Garage, wo wir ihn
gefunden hatten und wo auch seine Geschwister
noch wohnten. Von da an schlief er auch dort
und ich ging nur noch in die Garage, um ihm
seine Mehlwürmer zu geben, die er inzwischen
aß.
Neun Tage nachdem ich ihn in Pflege genommen
hatte, war es dann soweit. Er war kräftig
und munter, draußen schien die Sonne,
ein leichter Wind wehte, seine Geschwister waren
ausgeflogen
der richtige Tag! Ich nahm
ihn auf die Hand, brachte ihn hinaus
und er flog los!
Ab diesem Tag flog Scooter ein und aus und kam
nur noch zum Fressen in die Garage. Da er auf
mein Rufen mit energischem Piepsen reagierte,
konnte ich ihn immer gut ausmachen. Immer häufiger
saß er zwischen anderen Schwalben. Wenn
ich kam, flogen die anderen Schwalben weg, aber
mein kleiner Scooter nicht. Ihn konnte ich in
die Hand nehmen, und dort holte er sich gern
mal einen Mehlwurm ab.
Ich sah ihm zu, wie er seine ersten Sturzflüge
versuchte und freute mich über seine Stärke.
Immer wieder mal gab es Tage, an denen niemand
Scooter sah, aber dann tauchte er doch irgendwann
wieder auf und piepste uns munter an.
Am 15. Tag nahm ich Abschied von Scooter. Als
würde er es spüren, kam er direkt
auf meine Hand geflogen, nahm noch mal einen
Mehlwurm und ließ sich fotografieren und
begutachten. Wie schön er war: Er hatte
zwei glänzende, gesunde Augen und ebensolches
Gefieder. Die spitzen Schwanzfedern begannen
sichtbar zu wachsen, und er war topfit. Eine
gesunde Schwalbe!
Ich war sicher, daß ich ihn noch manches
mal hören und sehen würde, aber von
nun an würde ich ihn nicht mehr füttern
oder anfassen, denn jetzt sollte er wie seine
Geschwister für sein zukünftiges Leben
lernen. Das konnten nur seine Eltern und Artgenossen
übernehmen, und dann würde er auf
sich selber achten müssen.
Seit dem Tag hoffe ich, daß Scooter gut
auf sich aufpasst und irgendwann im nächsten
Frühjahr von seiner großen Reise
zurück kommt und vielleicht sogar seine
eigene Familie gründet.
|