Einsatz gegen Hungertod von Schwänen

Einen Weg von fast einem Kilometer durch kniehohe Schneewehen nimmt Silke Wehlitz jeden Tag auf sich und zieht einen Schlitten mit 15 Kilogramm Getreide an die Schlei. Ihr Ziel: die Futterstelle, die sie für 50 bis 100 Schwäne und andere Wasservögel am Ufer der Großen Breite auf dem Gemeindegebiet von Brodersby eingerichtet hat. "Als wir Mitte Januar immer mehr verendete oder sterbende Schwäne auf den Feldern hinter unserem Haus im Ortsteil Geel gefunden haben, mussten wir einfach etwas unternehmen", sagt Wehlitz. Etwa 20 tote Schwäne haben sie und ihr Mann Gernot Schmidt entdeckt. "Wer abends nicht mehr zu offenen Stellen oder auf das Eis fliegen kann, überlebt die Nacht nicht", hat Schmidt beobachtet. Für Füchse sind die geschwächten Tiere eine leichte Beute. Also nahmen Wehlitz und Schmidt zunächst einige Jungschwäne zu sich und päppelten sie in ihrer Küche auf. Wehlitz: "Da durften wir dann erstmal nicht rein, die haben uns verscheucht." Und ein Chaos hinterlassen. Der Weg der sechs Küchenschwäne führte schließlich zu einer Auffangstation in Arlewatt (Kreis Nordfriesland).Das Eis auf den Gewässern und der Schnee auf den umliegenden Feldern macht die Nahrungssuche für die Schwäne unmöglich. "Sie fressen normalerweise, was sie am Grund des Gewässers finden, oder sie kommen auf die abgeernteten Rapsfelder, um dort Futter zu suchen", so Wehlitz. Beide Nahrungsquellen sind im Moment versiegt. Auch trinken können sie nicht mehr. Die Missunder Enge ist zwar noch offen, dort wagen sich die scheuen Wildvögel, die teilweise aus Skandinavien und den Niederlanden an die Schlei gezogen sind, nicht hin. In der die meiste Zeit des Jahres viel befahrenen Enge wächst kaum etwas am Grund. Seit Wehlitz jeden Tag Futter bringt, hat sich die Situation deutlich verbessert: "Wir haben keine toten Tiere mehr gefunden." Nachdem sie in den ersten Wochen das Wasser ebenfalls mit dem Schlitten an transportierte, sorgt mittlerweile eine Pumpe in einem ins Eis geschlagenen Loch für das lebenswichtige Nass. Unterstützung erfahren Wehlitz und Schmidt von ihren Nachbarn. Wehlitz: "Allein können wir uns die nötigen Mengen an Weizen, Hafer und Mais nicht mehr lange leisten. Außerdem können wir keine großen Mengen lagern - schließlich wollen wir keine Ratten anlocken." So dient zur Zeit der Flur ihres Einfamilienhauses als Zwischenlager für einige Säcke Futter. Beraten werden Wehlitz und Schmidt von Karl Plaumann vom Naturschutzbund (Nabu) in Nordschwansen und Kappeln. Dort füttert er derzeit mit zwei Helfern um die 4 000 Vögel. Er gibt Tipps, wie den Wildwassertieren geholfen werden kann: "Am besten ist es, Getreide in das flache Wasser zu streuen - so können die Vögel so natürlich wie möglich an ihre Nahrung kommen." Plaumanns Vorteil: Am Ostseeufer und an der Schlei um Kappeln findet er genügend offene Stellen, um die Vögel im Wasser zu füttern. Er rät, täglich mit 250 Gramm pro Vogel zu rechnen. Zumindest für das Schleswiger Umland sieht der dortige Nabu-Ortsvereins-Vorsitzende Hans-Jürgen Boeck keinen Fütterungsbedarf für Wildwasservögel: "Hier sind fast alle Vögel weggezogen. Sie sind flexibel genug, um vor dem Winter herzuziehen und immer in einem Gebiet zu bleiben, in dem genügend Futter vorhanden ist." Einzelne Vögel, die geblieben seien, suchten sich Ausflüsse und andere offene Stellen, wie es zur Zeit bei den Graureihern zu beobachten sei. "Die Natur ist nicht dumm. Wenn einige Tiere sterben, waren diese meist bereits geschwächt oder krank. Das ist natürliche Auslese." Christian Erdmann vom Tierschutzverein "Terra Mater", der unter anderem im großen Rahmen die Hilfe für die Schwäne auf Rügen unterstützt, ruft dennoch dazu auf, die Wildwasservögel zu füttern. "Natürlich ist der Winter dazu da, schwache Tiere auszusortieren. Aber in solchen Extremzeiten muss man eingreifen. Sonst stirbt nicht die normale Größenordnung von Hunderten von Schwänen, sondern es verenden Tausende." Es sei richtig, wie Wehlitz und Schmidt in kleinem Rahmen vor Ort zu füttern, damit es "keine Massenansammlungen von Vögeln" gebe. Text und Fotos: Kirsch / SHZ.de

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